PeterLichts Ich ist ein Anderer

Musiker PeterLicht führte uns aufs Sonnendeck und riet der Nerdgemeinde: „Meide, meide die Popkultur!“ Nun ist er zurück vom Schiff und ruft mit neuem Album, Münchner Theaterstück und Blumenbar-Buch das Ende des Kapitalismus aus. Ein Besuch in Köln.

„Wir werden siegen!“ singt und textet PeterLicht ungewohnt poppig zum Frühjahrsanfang im Soundtrack „Lieder vom Ende des Kapitalismus“. Hier schlummern Discoperlen und Festivalbrenner. Aber PeterLicht ist ein scheuer Mensch, den man niemals bei „Rock am Ring“ erleben wird. Der Elektro-Intellektuelle lässt sich keinesfalls von vorn fotografieren – eine Marotte. Seine Brillengläser sind durchsichtige Panzersperren gegen die moderne Stumpfsinnswelt. Hört man dem Künstler länger zu, erscheint die Welt als Vorhölle. PeterLicht erklärt, weshalb wir nur zufällig in Frieden leben können und warum auch das bald Vergangenheit ist. Das Interview beginnt mit dieser Bestellung: „Hallo, ich hätte gerne ein Kännchen Tee mit einem Glas Leitungswasser.“

Gehst Du oft ins kuschelige Ultra-Alte-Damen-Café Wahlen? Ja, schon, weil hier keine Musik ist, weil es von der Akustik Deinen Ohren schmeichelt, dicker Teppich, schöne Wandbespannung, das schallt auch nicht so doof. Ich finde es nämlich manchmal hart, wenn man in den Läden sitzt, die ganze Zeit Musik läuft und ich mich dabei komplett nicht mehr entspannen kann. Ich nerve schon mein ganzes Umfeld mit dieser Sehnsucht nach Stille, ich gehe dann auch, wenn es zu viel Gebimsel ist, da habe ich keine Lust.

Das Café als Rückzugsort, wo es keine Probleme gibt, als idealer Raum? Das ist ein BRD-Lokal, aber ich gehe nicht mit diesem Anspruch an den idealen Raum in eine Konditorei.

Die meisten Clubbesucher gehen gerade deshalb samstagnachts aus. Stimmt. Das habe ich mit Entsetzen auch einmal festgestellt. Ich finde diese Partys furchtbar, viel zu laut, ich finde das asozial, also, nicht im Sinne von Sozialhilfeempfänger, ich finde das hardcore, weil du nicht reden kannst, das ist primitiv, was sich jetzt natürlich anhört wie „Zeugen Jehovas“-Elternthesen.

„Wir werden siegen!“ So heißt Dein aktuelles Buch, Dein Theaterstück. Eine Anspielung? Der gleichnamige Song auf dem Album bestand in seiner allerrudimentärsten Form nur aus Klavier, einem Loop und aus dem Spruch „Wir werden siegen!“, was die Assoziation war zu Spanischer Bürgerkrieg, No pasaran!, zu dieser Energie, in einem Politlied, das fand ich toll.

Welches „Wir“ meinst Du? Es ist vielleicht irgendeine Art von Kollektiv, schon assoziativ gemeint, aber wer das genau ist…

Ist das „Wir“ unsere Generation? Nein, ich glaube nicht, dass es um eine Generation geht, weil ich auch mitbekommen habe, wer auf meine Sachen reagiert, das sind nicht nur Leute zwischen 20 und 25 oder der Sommer von soundsoviel, wo die gerade 18 geworden sind.

Du hast keinen imaginären Ansprechpartner, während Du Theaterstücke schreibst, wenn Du komponierst oder malst? Nein. Oder, manchmal, dann gibt es doch den Wunsch nach einem direkten Gegenüber und manches ist dann als Liebeslied verständlich, also, direkt, aber ich empfinde das eben in verschiedene Richtungen, also, das Ende des Kapitalismus ist auch der Anfang der Liebe, so kann man es auch sehen.

Das schreibt ebenso Schriftsteller Marc Fischer in „Jäger“, wenn sein Held eine Festung bauen möchte, gegen die Pornoversionen der Liebe, die Art von Liebe „für die es Geschenkegutscheine von Douglas gibt.“ Stirbt die Liebe tatsächlich durch den Kapitalismus? Das sind jetzt alles riesige Begriffe, Kapitalismus, Zaunpfähle sind Zahnstocher dagegen, mit denen man dann wedelt, das ist ein Ozeantanker, das ist ein Eisberg, der unendlich unten weitergeht. Der Kapitalismus ist ein System, in dem sich wirklich jeder engagieren muss. Der Kapitalismus hat selbst in persönlichsten Zusammenhängen eine Bedeutung bekommt. Es gibt betriebswirtschaftliche Deutungen von Beziehungen und Liebe, von Verliebtheit, mit Begriffen wie Zeit, Investment. Es gibt auch naturwissenschaftliche Begründungen. Auf der einen Seite ist natürlich die Utopie der Liebe und dass man es schafft, alle Hebel auszuschalten. Auf der anderen Seite ist das eigene System Liebe. Das ist eine Utopie, ein Ziel, eine Sehnsucht…

…eine Sehnsucht, die Du selbst besitzt? Ich denke, das ist auch eine kollektive Sehnsucht.

Die Sehnsucht nach einem Café Wahlen? (lacht) Ja, mh. (überlegt) ich dachte gerade an diese Produktorientiertheit von kapitalistischer Liebe…

Gibt es Momente, in denen Du Dich dabei ertappst, dass Du in der Liebe produktorientiert denkst? Das ist eine gute Frage jetzt. Das kann ich nicht sagen. Da wage ich mich zu weit vor. Aber ich finde es interessant, sich über diese Themen Gedanken zu machen. Es ist nicht so, dass ich eine klare Linie dazu hätte. Überhaupt nicht. Es ist ein virulentes Assoziationsfeld. Und davon handelt dieses Buch, die Platte, das Theaterstück.

Eine Platte voller Sehnsüchte, auch mit dieser Sehnsucht nach Pop… Stimmt. Bei dieser Platte habe ich mir das Go, habe ich mir die Erlaubnis gegeben, eine Größe zuzulassen, das ist maximal, wenn man in Hallräumen und Hallfahnen denkt, die man so großmachen kann, dass es irgendwann implodiert, wie eine Blase, die immer weitergeht, das war schon die Idee, an diese Grenze zu gehen, bis es so groß wie irgend möglich klingt, bei „Gerader Weg“ zum Beispiel.

Dennoch erinnert dieser Song gleichzeitig an „Die Sterne“ Nach so einem teutonischen Hilflos-Funk oder so? Den ich jetzt ganz toll finde bei den Sternen, die möchte ich nicht dissen, aber daran habe ich mich eigentlich nicht orientiert, ich habe eigentlich nicht gedacht, dass das wie die Sterne kommt.

Oder wie Huah! die, was nun passen würde, das Album „Scheiß Kapitalismus!“ herausgebracht haben. Also, auch mit Huah! hat es nichts zu tun, zumal ich nicht einen einzigen Song von denen kenne, aber das kann trotzdem ganz viel damit zusammenhängen, das merke ich immer wieder, dass es auch Parallelen gibt zu Sachen, die man nicht bewusst kennt.

Huah! haben den Kapitalismus noch angeprangert, Dein Buch-CD-Theater-Trio klingt eher wie eine gewollt sich selbst erfüllende Prophezeiung. Es ist natürlich das Spiel mit Unmöglichkeit und gleichzeitig die traurige Feststellung, dass es jetzt erst mit dem Kapitalismus richtig losgeht, natürlich. Das ist offensichtlich, wenn man sich umguckt, die Zeitung liest. Überall ändert sich etwas, und zwar auch ziemlich krasse Sachen. Zum Beispiel der Fall der Mauer, auch wenn es nun 15 Jahre her ist, was undenkbar war, aber ganz klar gekommen ist. Oder welche Position Amerika hat, wie sich eine Nation verhält. Das ist systemisch gesehen. Es werden die Dinge vollstreckt, die möglich sind.

Wir nehmen diese Probleme wahr, aber betreffen sie uns wirklich? Das ist alles eine Frage der Zeit, bis das kommt. Für mich ist es eigentlich fraglos, dass das irgendwann kommt, dieser Knall. Manchmal sind das kleine Zufälle der Politik, dass Gerhard Schröder ganz knapp Kanzler wird, während Merkel nach Amerika fährt und sich als gute Deutsche präsentiert. Hätte es Stoiber damals geschafft, wäre es klar gewesen, dass Deutschland im Irakkrieg dabei ist, es ging um ein paar tausend Stimmen! Vom System her ist das alles Zufall.

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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