Schon die Großeltern verkauften Versicherungen, die Eltern machen es ihnen nach – und ihre Tochter entwickelt schleichend eine Angststörung inmitten dieses Klimas, das permanent daran erinnert, was alles passieren kann. Kathrin Bach erzählt eine hessische Dorfgeschichte, die sinnbildlich für eine höchst westdeutsche Version nachkriegsrepublikanischer Angstkultur steht.

Unsicher ist die Existenz eines Schriftstellers. Gleichzeitig arbeiten – quasi als Ausgleich – einige Romanfiguren im Versicherungswesen: wie der frühpensionierte Vertreter Nathan Glass in Paul Austers „Die Brooklyn Revue“ oder Hugo Weinschenk, Direktor der Städtischen Feuerversicherung, in Thomas Manns „Die Buddenbrooks“. Als gute Kundin der Versicherungswirtschaft stellt sich die Ich-Erzählerin in Kathrin Bachs Roman „Lebensversicherung“ vor – eine Mittdreißigerin, die ihre Existenz geschützt hat wie ein Hochsicherheitsgefängnis: „Ich habe alle Versicherungen. Ich habe eine Haftpflichtversicherung, eine Hausratversicherung, eine private Krankenzusatzversicherung mit Chefarztbehandlung und Zweibettzimmer im Krankenhaus, eine Berufsunfähigkeitsversicherung und eine Reisekrankenversicherung. Eine Unfallversicherung, eine Zahnzusatzversicherung, eine freiwillige Arbeitslosenversicherung und eine Lebensversicherung.“

Die angstbesetzte, ihre Angst aber auch erforschende Ich-Erzählerin kommt aus einer hessischen Versicherungsfamilie. Bereits ihre Großväter waren für Versicherungen tätig. Der Vater brachte es zum Generalvertreterinspektor im Dorf seines Schwiegervaters. Er konnte sich mit seinem eigenen Büro im Neubaugebiet selbstständig machen, wo in den 1980er Jahren einfache Einfamilienhäuser und Carports errichtet, und Gespräche wie diese auf offener Straße geführt wurden: „’Un, wie is?’– ‚Immer so weider.’“

Ich habe Angst davor, wie’s weitergeht

Dieser schmissige Text spielt zwischen öffentlichem, wohlgeordnetem Raum und eher chaotischem Familienleben. Er ist weniger ein Roman, sondern wirkt wie das Gesprächsprotokoll einer Therapiesitzung – zu der die Ich-Erzählerin während ihrer Studienzeit auch gehen wird, um ihre zahlreichen Phobien zu behandeln. „Ich habe Angst davor, woanders als zu Hause oder bei Oma F oder Oma G zu Mittag zu essen. Ich habe Angst davor, bei einer Freundin etwas essen zu müssen. Davor, dass mir das von der Mutter der Freundin Zubereitete nicht so schmeckt wie das von meiner Mutter. Davor, keinen oder nicht genug Appetit zu haben. Vor dem Völlegefühl danach. Völlegefühl ist schlimm. Aber noch schlimmer ist die Übelkeit.“

Die Überschriften der teilweise nur ein, zwei Sätze umfassenden Kapitel wirken wie Antworten auf Fragen, die in psychotherapeutischen Praxen gestellt werden, darunter: „Wie das Dorf aussieht, in dem ich aufgewachsen bin“, „Woher meine Eltern kommen“, „Wieso mein Vater immer eine potenzielle Mordwaffe dabei hat“ – oder auch:

„Einige Gerichte, die ich ausgekotzt habe

Panierte Tintenfischringe
Räucherlachs mit einer süßen Honigsauce
Tortellini mit Pesto
Rohe Karotten
Nudelauflauf“

Und wie es weitergeht

Die sich langsam entwickelnde Angststörung ist nur partiell in traumatischen Schrecknissen begründet, vielmehr kann sie aus der Profession dieser kurios gezeichneten Familie erklärt werden, die vortrefflich von der „German Angst“ profitiert. Die Möglichkeit all dessen, was passieren kann, durchwirkt die Kindheits- und Jugendtage der Erzählerin. Sogar sonntags führen die Eltern im Beisein ihrer Tochter Verkaufsgespräche. Tagtäglich nehmen sie alle Schäden, Unfälle, Einbrüche, Brände und Todesfälle des Dorfes auf und kümmern sich um die Auszahlung von Versicherungssummen: „Wenn jemand stürzt und mit gebrochenem Bein im Krankenhaus liegt, fährt meine Mutter mit einem Strauß Blumen hin und stellt Fragen zum Unfallhergang. Wenn jemand stirbt, fährt meine Mutter hin und hört den Hinterbliebenen zu. Meine Eltern gehen zu allen Beerdigungen ihrer Kundinnen und Kunden. Manchmal bringen sie mir einen Reiheweck mit.“

Nach Art eines Flickenteppichs collagiert dieses Buch Kindheitserinnerungen, Familienchronologien, Fach- und Sachtexte der Versicherungswirtschaft und Gesprächsprotokolle. Der Inhalt eines neurotisch zusammengestellten Zip-Beutels – mit MCP-Tropfen und Vomex-A-Sirup steht zwischen Miniaturen über Brotzeiten und Vaters Diabetes-Erkrankung bis zu Auflistungen einiger der schlimmsten Fernsehserien der 1990er und 2000er Jahre. „Meine Eltern schauen nach einem langen Arbeitstag anderen bei der Arbeit zu. Sie schauen Ärzten und Ärztinnen bei der Arbeit zu (Notärzten, Landärzten, Tierärztinnen), sie schauen einer Anwältin bei der Arbeit zu, sie schauen einer Sekretärin und einem Hoteldirektor bei der Arbeit zu, einer Modedesignerin, einer Nonne, einem Bürgermeister und immer wieder einem Förster.“

Anders als glücklich

Es klingt wie ein großes Durcheinander, aber die geschickte Komposition bildet ein stimmiges Ganzes. Die immer wieder verwendete Formel „es gibt“ ist strukturgebend, eine materialistische Vergewisserung. Kathrin Bachs Geschichte eröffnet mit drei Zitaten, die auf verschiedene Weise das Versicherungsthema einschließen: mit der nur vorderhand so erscheinenden Binsenweisheit „Seinen Versicherungsbedarf kann nur erkennen, wer weiß, welche Versicherungen es gibt“, aus Hans Dieter Meyers „Ratgeber Versicherung“; mit der literarischen Klage „Ach, was könnte nicht alles geschehn“ aus der unvollendeten Erzählung „Der Bau“, 1923/24 geschrieben vom berühmten Prager Versicherungsjuristen Franz Kafka und mit dieser Überlegung aus Ingeborg Bachmanns Ich-Erforschungsroman „Malina“ von 1971: „Es müsste eine Versicherung geben, die nicht von dieser Welt ist.“

Das „Lebensversicherungs“-Buch lehnt sich an „Malina“ an, auf der albernen Ebene durch den Gleichklang Bach und Bachmann, auf der tieferliegenden, ernsteren aufgrund ihrer literarischen Forschungsdesigns, der teilnehmenden Beobachtung. Beide Bücher erzählen Mentalitätsgeschichten: einerseits am Beispiel von Gewalterfahrungen, andererseits entlang grotesker Gesellschaftsszenen Hier wie da wechseln die Textsorten, während sich das Ernste im Komischen spiegelt, und das Tragische mindestens ein Beleg ist für die Absurdität unserer Existenz.

„Mein Vater streckt mir seine rechte Faust entgegen.
− Nach was riecht die?
− Krankenhaus.
Mein Vater nickt. Mein Vater streckt mir seine linke Faust entgegen.
− Nach was riecht die?
− Friedhof.
Mein Vater nickt und grinst.
− Gut, Jupp.
Mein Vater nennt mich Jupp.
Ich bin sechs Jahre alt und weiß nicht warum.“

Die Diktatur der Angepassten

Dieser Collageroman ist vieles zugleich: Gesellschaftsstudie, Gedankenbühne, Psychoanalyse, Slapstick und Memento mori. „Lebensversicherung“ erscheint wirklichkeitsgesättigter als Bachs minimalistischer Lyrikband „Gips“, der zwar auch die Fragilität unserer Existenz entlang einer Allegorie erforscht, allerdings auf einer abstrakteren, verträumteren Ebene. In „Lebensversicherung“ gibt es mehr zu sehen. Es gibt Piktogramme, wie in Versicherungsbroschüren. Es gibt Filmstills, drei Screenshots eines Hundevideos – es zeigt einen Spitz – und es gibt eine kurze Notiz, was nach dem Tod von Oma G übriggeblieben ist: „Im Kleiderschrank ist alles so groß wie Oma G.“

Nach der Lektüre dieses lakonischen Debüts fühlt man sich zwangsläufig unterversichert – aber grandios unterhalten von Kathrin Bach und ihrer Ich-Erzählerin, die am Schluss zwar immer noch Angst hat, weil sie weiß, dass jeder jederzeit gehen kann, weil sie weiß, dass jedes Auto zercrashen kann. Doch zeigt ihre Verhaltenstherapie eine immanente Wirkung. Ingeborg Bachmanns „Malina“-Roman endet mit der Auslöschung seiner Erzählerin. Kathrin Bachs „Lebensversicherung“ schließt hingegen tröstlich in der Erkenntnis, dass zwar alles stirbt: „wir vorher aber auch ein bisschen leben“ – und lesen dürfen.

Kathrin Bach: „Lebensversicherung“, Voland & Quist, 240 Seiten, 24 Euro

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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